Die Krise als Chance nutzen

Jul 30, 2020 | Lehrer, Neuigkeiten | 0 Kommentare

Gedanken der Fachschaft katholische Religionslehre

Die letzten Monate haben uns allen, Lehrern, Schülern und Eltern, einiges abverlangt: wir mussten von einem Tag auf den anderen auf unseren gewohnten Alltag verzichten, auf soziale Kontakte, sogar zu engsten Familienmitgliedern und Freunden, auf die Verwirklichung lang geplanter Projekte, auf die unmittelbare persönliche Begegnung, die für uns sonst so selbstverständlich ist. Kinder und Jugendliche, so wurde in den Medien immer wieder betont, gehörten dabei zu den besonders Leidtragenden, da in diesem Lebensabschnitt Bildung und der Kontakt zu Gleichaltrigen eine so zentrale Rolle spielen.

Was bedeutet es, in einer krisenhaften Zeit zu leben?

Im allgemeinen Sprachgebrauch verstehen wir darunter zunächst etwas Negatives, Belastendes, etwas, das es zu überwinden gilt. Von seiner ursprünglichen Wortbedeutung her meint Krise, vom griechischen krisis abgeleitet, „Entscheidung, entscheidender Wendepunkt“. Schon lange stehen wir in ökologischer Hinsicht an einer entscheidenden Zeitenwende, die Corona-Krise hat nun bereits lange bestehende gesellschaftliche und globale Probleme besonders sichtbar werden lassen.

Was bedeutet das für uns als Schulfamilie? Was zeigt uns die krisenhafte Situation?

Sie macht zunächst den Wert dessen deutlich, worauf es in der Krise zu verzichten galt: Bildung kann nicht nur auf digitalem Wege stattfinden, sie lebt von der Beziehung zwischen Lehrern und Schülern, vom zwischenmenschlichen Agieren. Wir Lehrer können unseren Schülern durch unsere eigene Lebenshaltung und Ideale Inspiration sein, aber auch die Schüler bereichern uns durch ihre Ideen, ihren wachen Geist, ihre kritischen Gedanken. Die Krise ist eine Chance, einen Schritt zurückzutreten und zu fragen, was es auszubauen oder neu zu denken gilt: Schule sollte sich entwickeln zu einem Ort, der jungen Menschen Entfaltung ermöglicht – im Lernen und in der Persönlichkeitsentwicklung.

Welchen Beitrag leisten dabei die Fächer Religionslehre und Ethik?

Gerade jetzt sind sie ein unverzichtbarer Teil des gymnasialen Bildungskanons, weil sie Raum geben für Fragen, zum Nachdenken, Diskutieren und Nachspüren, weil wir Zeit geben wollen für Reflektieren und Innehalten. Wir wollen dazu beitragen, dass die Schüler in der Lage sind, ihr Leben nach hohen ethischen und aus eigener Einsicht gewählten Maßstäben zu gestalten, ihren Platz zu finden, um ihren Fähigkeiten entsprechend einen nachhaltigen gesellschaftlichen Beitrag zu leisten. Das christliche Menschenbild zeigt uns, dass der Mensch ein beseeltes Wesen mit schöpferischen Kräften ist, das auch unter widrigsten Umständen Neues schaffen kann und Entwicklungen zum Positiven hin verändern kann. Damit geht auch einher, dass es gerade in dieser Zeit „Nein“ zu sagen gilt zu allem, was den Menschen seiner Entfaltungsmöglichkeiten beraubt. Dem Personalitätsprinzip gemäß besitzt jede und jeder von uns eine unverlierbare Würde und Einzigartigkeit. Der Mensch darf nie seine Selbstbestimmtheit verlieren, sich nie blind führen lassen von fremden Maßstäben. Die Bewahrung dieser besonderen Würde muss stets oberste Maxime sein.

Was brauchen wir also in Zukunft?

Alle Mitglieder der Schulfamilie sollten sich auf Augenhöhe begegnen können, alle ehrlichen Bemühungen von Lehrern, Schülern und Eltern Wertschätzung erfahren. Wir brauchen echtes Interesse an dem, was sich entwickeln und entfalten will, weisheitsvolle Gedanken und überzeugte Vertreter dieser Ideen. Gerade im nächsten Schuljahr bietet das 50-jährige Jubiläum einen hervorragenden Anlass, sich der Ideale bei Schulgründung bewusst zu werden. Für unsere Schüler brauchen wir Rahmenbedingungen, die soziales Lernen ohne Einschränkungen ermöglichen, den wertschätzenden Blick auf Kinder und Jugendliche als wichtige Stützen unserer Schule und Gesellschaft. Es gilt, die Geretsrieder Tradition, die sich durch Offenheit und Weite auszeichnet, zu bewahren – im Andenken auch an viele wertgeschätzte Kollegen – und zugleich auch Neues zu gestalten. Wir freuen uns auf die erneuten persönlichen und unmittelbaren Begegnungen, die Lebendigkeit, die unsere Schule ausmacht, die Rückkehr mit neuen Visionen und Mut zur Veränderung. Und wir wollen nicht den Blick verlieren auf das, was dabei stets die erste Stelle besetzen muss: der Mensch in seiner einzigartigen Würde.

Für die Fachschaft katholische Religionslehre:

Nina Sailer, Anita Bittner